Freitag, 11. November 2016

Trump – und was soll ich jetzt tun?

Wie immer, wenn etwas Ungeheuerliches, von Menschen Verursachtes geschehen ist, liest und hört man an allen Ecken und Enden, in unzähligen Kommentaren professioneller Journalisten ebenso wie in Postings von Freunden und Social-Bekanntschaften, was „man“ jetzt tun müsste.

Ich gestehe, dass auch ich oft und gerne dieser wahrscheinlich schlicht menschlichen Neigung nachgebe, meinen Senf dazu abzugeben, was „man“ zur Verbesserung einer bestimmten Situation oder auch schlichtweg zur Rettung der Welt, zu tun hätte. Das angenehme dabei ist ja, dass es in aller Regel keinerlei Verpflichtungen nach sich zieht, da man selber ja ohnehin nie auch nur annähernd in der Position oder Situation ist, um die angemahnten Verbesserungen durchzusetzen. Der ausgestreckte Zeigefinger – „die da müssen“ – ist zum Reflex unserer Gesellschaft geworden.

Eine angenehme Ausnahme bot dieser Tage SPON-Kolumnist Sascha Lobo,der in seinem Trump-Beitrag immerhin mehrfach ein selbstkritisches „wir“ anbrachte.
Vielleicht ist es dem Ausmaß der Unbegreiflichkeit dieses Sieges von The Donald geschuldet, vielleicht dem Schmerz eines in Westeuropa voll und ganz im Zeichen des American Dream Sozialisierten, dass auch ich mich dieses Mal persönlich betroffen und persönlich gefordert fühle.
Seit jener Wahlnacht bedrängt mich das Gefühl, dass nicht „man“ dieses oder jenes machen und tun sollte, sondern, dass ICH etwas unternehmen muss. Allerdings stehe ich dabei nun vor dem Problem, vor der „man“ offenkundig allerorts genauso steht:

Ich habe keine Ahnung, WAS nun zu tun ist.

Was kann ich tun, damit im Dezember in Österreich nicht der nächste Demagoge in ein Präsidentenamt kommt? Wie kann ich dazu beitragen, dass das Virus nicht weiter um sich greift? Dass nach Russland, Ungarn, Griechenland, Polen, der Türkei, den Philippinen, Großbritannien, den USA nicht als nächstes Frankreich angesteckt wird und dann Deutschland? Dass der neue Nationalismus nicht die EU sprengt und dann die Nato, die Vereinten Nationen?
Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr drängt sich mir dabei die Frage auf, ob es überhaupt möglich ist, diesen dunklen Zug noch aufzuhalten? Und macht es überhaupt Sinn, sich dem entgegen zu stellen?

Ich blicke in die Vergangenheit. Wäre es einst möglich gewesen, z.B. die Nationalsozialisten  zu verhindern? Hätte sich die sozialistische Revolution in Russland Anfang des 20. Jahrhunderts mit all ihren Folgen vermeiden lassen? Hätten die Menschen Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich  etwas unternehmen können, um das unendliche Blutvergießen der Französischen Revolution zu umgehen und einen Wandel in friedlichen Bahnen zu gestalten?

Oder sind das einfach Kräfte, denen Gesellschaften ausgesetzt sind, wie Gezeiten, denen am Ende des Tages nichts entgegen gesetzt werden kann? Ist irgendwann ein Point of no return erreicht, an dem Hass, Wut oder auch Angst, Verzweiflung sich derart aufgeladen und multipliziert haben, dass mit Vernunft kein Durchkommen mehr ist? Und wenn, haben wir diesen Punkt schon erreicht? Wurde er vielleicht in den Morgenstunden des 9. November überschritten?

Engagement für den Wiederaufbau?

Wäre es dann vielleicht das Klügste, gar keine Energie darauf zu verschwenden, dagegen anzugehen, sondern vielmehr den Kopf unten zu halten und zu versuchen, sich und Menschen, die einem nah sind, vor direkten Folgen zu schützen? Sollte ich mich darum bemühen, jetzt Opfer zu unterstützen – die Familien der in der Türkei inhaftierten Journalisten zum Beispiel? Und  sollte ich dabei Anstrengungen unternehmen, mich und möglichst viele andere für die Zeit danach vorzubereiten? Jetzt Menschen vernetzen, Pläne und Ideen entwickeln, um die Gesellschaft zurück auf konstruktive Wege zu bringen, wenn sich der Staub gelegt hat und die Welle an Nationalismus und Totalitarismus wieder vorüber ist?  In der Hoffnung, dass sie nicht die Mehrheit der Menschen ins Verderben reißt?
Wäre es wichtig, dass ich – der ich mich Schriftsteller nenne – zum Chronisten werde? Soll ich Zusammenhänge aufzeichnen, Belege sammle, die wir dann parat haben,  wenn sich die Tore der Internierungslager wieder öffnen und alle Welt abermals vorgibt, von nichts eine Ahnung gehabt zu haben?

Ich frage mich ernsthaft, ob wir jetzt das Leiden eventuell nur verlängern, wenn wir uns dagegen stemmen? Wäre es möglicherweise besser zur Seite zu treten, wie in dem Zeichentrickfilm, wo die Schweinchen die Türen des Hauses vorne und hinten öffnen, so dass der böse Wolf, der angerannt kommt, einfach quer hindurchläuft? So wie beim Autofahren, wo man, wenn man ins Rutschen gerät, das Lenkrad auch kurz loslassen sollte, damit sich die Räder frei ausrichten können und man dann wieder eingreifen und den Wagen zurück in die Spur bringen kann?

Oder ist es doch richtiger, wenn ich mich auf die Suche nach den Gleichgesinnten mache, um mit möglichst Vielen eine Kette der Vernunft zu bilden? Eine Firewall gegen das Virus. Die das Schreien und Lärmen der Demagogen dämmt, die jene Verachtung durchbricht, mit der mehr und mehr Menschen Pluralismus und Demokratie gegenüberstehen, weil sie diese für schwach und entbehrlich halten. Kann es gelingen, dass die Teile der Welt, die gerade aus den Fugen zu geraten scheinen, ohne den ganz großen Kollaps zum fairen Wettbewerb der Ideen zurückkehren? Und wenn, was kann, was soll ich dazu beitragen?

Ganz ehrlich: im Augenblick weiß ich es nicht.
Ich weiß nur, ich muss mich entscheiden.
Und das bald.

Sonntag, 21. August 2016

#followdregenius: Bilderwelten zum neuen Roman

Seit ein paar Wochen gibt es mich jetzt auch auf Instagram. Unter dem Hashtag #followdregenius sammle und teile ich dort Bildimpressionen, die ich seit einiger Zeit aufnehmen, auf der Spur des Romanhelden Dregenius. Ein Moodboard aus dem Jahr 486 n.Chr. Ein Blick in die Welt der Völkerwanderungszeit an der Donau, rund um Carnuntum. Dreikaiserstadt und nordöstlichste Metropole von einst. Mehr zur Erzählung "Die Kormoranfeder", anderen Fertigstellung ich arbeite, comming soon...

Freitag, 17. Juni 2016

Nicht gut drauf. Die Welt. Jetzt so.

Ein Irrer erschießt in Orlando 40 Menschen.
Die Gratiszeitung titelt „Schwulen-Killer…“
Nicht sicher, ob sie das wirklich negativ meinen.
In Frankreich prügeln sich Hooligans den Matsch aus der Birne.
Wär‘ nicht so schlimm, wenn dabei nicht Menschen zu Schaden kämen.
Der russische Sportminister findet das aber eh ganz ok.
Der Präsidentschaftskandidat will die USA Muslim-frei machen.
Eine Woche, nachdem sich das Land von Muhamad Ali verabschiedet hat.
Tränenreich.
Die Grünen wollen deutschen Fußballfans die deutsche Fahne verbieten.
Die AfD dankt für die Gratis-Wahlwerbung.
In Katar, dem Land mit der übernächsten Fußball-WM
wird eine Niederländerin verurteilt, weil sie sich hat vergewaltigen lassen.
Und der zweit-„wertvollste“ Konzern der Welt
präsentiert seine Neuheiten:
eine App für dreißig Prozent größere Smileys
und eine, die Rollstuhlfahrern sagt, wann sie herumrollen sollen.
Wann implodiert das Ganze?
Lang kann’s nicht mehr dauern.


Vielleicht sollte es das auch nicht.

Mittwoch, 8. Juni 2016

Kandidatin Unbeliebt – (w)er liebt sie nicht?

Hillary Clinton hat heute Geschichte geschrieben. Sie ist die erste Frau, der es gelungen ist, in einer der beiden großen Parteien die Kandidatur für das mächtigste Amt der Welt zu erringen. Sie kann die erste Frau an der Spitze der Vereinigten Staaten werden, was kaum weniger ein Meilenstein in der Geschichte der USA – und der Welt – wäre, wie die Präsidentschaft des ersten afroamerikanischen Mannes auf diesem Posten. Und dennoch, so richtig zu freuen scheint das niemand. Jedenfalls nicht öffentlich.

„Die Stimmung auf der Siegesfeier“, schreibt Marc Pitzke aufSpiegel.Online, „ist getrübt“. Zwar schreibt er auch, „Die historische Bedeutung schmälerte das freilich kaum“, aber es klingt pflichtschuldig und bemüht, wenn er anschließend die Zahl der Hausbesuche und Auftritte anführt, so als sei die „historische Bedeutung“ eigentlich eher der Statistik geschuldet. Vor allem aber stellt er doch fest: „Sie ist die unbeliebteste Kandidatin seit Langem“ und das hat man in letzter Zeit immer wieder gelesen. Eigentlich fast immer, wenn der Name Hillary Clinton erwähnt wird. „Die Kandidatin, die keinerwill“ titelt Zeit.de, „Die zwei unbeliebten Kandidaten“ schreibt dieFrankfurter Rundschau im Netz.
Die Liste ließe sich fortsetzen.



Fakten schaffen
Interessanterweise folgen auf diese Feststellungen so gut wie nie Belege für die vermeintliche Unbeliebtheit der ehemaligen Außenministerin und First Lady. Etwa durch Umfragen. Und wenn, dann klingen sie so konstruiert, wie jene in besagtem Zeit.de-Artikel von Andrea Römmle, die auf jüngste Umfragen verweist, laut denen nur 19% der Amerikaner Vertrauen in die Regierung und in die Politische Klasse hätten. Da sich dies auch mit den „persönlichen Wahlkampferfahrungen“ der Journalistin decke, müsse die Gleichung - Clinton = Politikerin = unbeliebt - ja wohl richtig sein. Sehr fundiert.

Das eigentlich Erstaunliche ist aber: vor wenigen Jahren war das noch anders. Im April 2010 titelte Die Welt online „Hillary Clinton beliebter als Angela Merkel“ und untermauerte dies sogleich mit einer „Umfrage des Marktforschungsunternehmens Harris Interactive", die zeigte, „dass Hillary Clinton Angela Merkel als beliebteste Politikerin überholt hat“. Drei Jahre später, im Februar 2013 fragte Sebastian Fischer auf Spiegel-Online „geht das überhaupt, amerikanische Politik ohne Hillary?“ und geradezu euphorisch beschrieb er, dass Clinton „sich über die vergangenen vier Jahre zur sympathischen und coolen Person entwickelt“ habe. Auch er hatte, ganz im Unterschied zu den Berichterstattern heute, belegte Zahlen zum Beweis für die Beliebtheit der scheidenden Ministerin parat. Und was für welche: „Einer Umfrage der ‚Washington Post‘ zufolge mögen sie 67 Prozent der Amerikaner. Schon wieder ein Rekordwert. Hillary ist die beliebteste Politikerin in den USA. Unter den Demokraten kommt sie auf 91 Prozent, bei den Unabhängigen auf 65 Prozent und sogar bei den Republikanern auf 37 Prozent. Vor einiger Zeit fanden die Demoskopen gar heraus, dass 44 Prozent der radikalkonservativen Tea-Party-Anhänger glauben, das Land stünde besser da mit einer Präsidenten Clinton.“

Was ist geschehen?
Als aufmerksamer Beobachter fragt man sich da doch zwangsläufig: was ist inzwischen passiert? Die erstaunliche Antwort: nichts! Hillary Clinton hat eine Auszeit genommen und sich zwei Jahre Zeit gelassen, um für sich und ihre Familie zu entscheiden, ob sie noch mal ins Rennen geht, hat natürlich Kontakte und Chancen ausgelotet, dann hat sie sich als Kandidaten zurückgemeldet. Und in der Zwischenzeit wurde in den Medien – den deutschsprachigen und europäischen jedenfalls – beschlossen, sie sei unbeliebt. Unbelegt zwar, aber auch unwidersprochen. Die Frage bleibt nur: warum?

Wegen der E-Mail-Affäre? Es ist das Einzige, das gebetsmühlenartig als Verfehlung und Ursache für Ihren Vertrauensverlust ins Feld geführt wird. Ist das glaubhaft? Macht das Sinn? In einer Zeit, in der allenthalben von der Frustration alle Völker über das Establishment geredet und vor allem geschrieben wird? In einer Zeit in der von Trump bis Sanders Kandidaten Millionen von Stimmen bekommen, weil sie sich als Regelbrecher stilisieren, soll ausgerechnet das Übertreten einer Verwaltungsvorschrift die Meinung der Menschen derart geändert haben, dass aus der eben noch beliebtesten Politikerin eine Persona gerade-noch-so Grata geworden ist? Wofür es, wie zuvor erwähnt, keinerlei stich- oder zahlenhaltige Belege gibt. Von der Tatsache, dass diese „Unbeliebte“ Vertreterin des verhassten Establishments im ach so liberalen Kalifornien gerade gut 60% der Vorwahlstimmen geholt hat.

Man(n) mag sie eben nicht
Es mag eine gleichermaßen unbewiesene Unterstellung sein, aber hier auf meinem Blog darf ich das, für mich klingen all die bärbeißigen Kommentare sehr danach, dass es in den nach wie vor männerdominierten Redaktionen doch immer noch bitter aufstößt, dass nun auch eine der wirklich letzten großen Bastionen der Mannesherrschaft von einer Frau übernommen werden könnte. Offen dagegen sein, geht im 21. Jahrhundert natürlich nicht mehr, und so grummeln die Herren Journalisten, Kommentatoren und Publizisten eben zumindest ein wenig beleidigt herum. Als Clinton das Außenministerium verließ, konnten sie ihr noch huldvoll Applaus spenden, aber jetzt, wo es ernst wird, wo es um das ganz große Ding geht, das dann so richtig toll zu finden, ist offenbar doch immer noch zu viel verlangt.

Unter diesem Aspekt mag rückwirken sogar die Euphorie bei der Ernennung Ihres potentiellen Vorgängers zum Kandidaten im Jahr 2008 ein wenig schal schmecken. War es vielleicht zu einem guten Teil gar nicht die – vermeintlich - endgültige Überwindung der ethnischen Diskriminierung, die den medialen Jubel befeuert hat? Steckte da nicht vielleicht doch eine große Portion „Hauptsache ein Mann“ drin? Insofern mag man fast erleichtert sein, dass der Gegenkandidat nun Donald Trump ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Gutteil der schreibenden und sendenden Zunft in unseren Gefilden auf dessen Seite schlägt, nur um abermals eine Frau im Weißen Haus zu verhindern, ist doch eher gering. Hoffentlich.

Aber ob sich Presse, Rundfunk und Fernsehen am Ende des 8. November, wenn feststeht, dass die Nummer 45 eine Frau sein wird, dann endlich dazu hinreißen lassen, ähnlich geschichtstrunken eine Zeitenwende zu feiern, wie 2008? Wer weiß, vielleicht haben wir Glück und es haben dann gerade ein paar Chefredakteurinnen Dienst? Nun, man(n) wird sehen.

Samstag, 7. Mai 2016

"Ich träume von einem Europa, in dem das Migrantsein kein Verbrechen ist“

Es kommt eher nicht oft vor, dass ich Radio Vaticana und Worte eines katholischen Papstes teile. Diese hier schon. Diese hier kann man gar nicht oft genug lesen und teilen, lesen und teilen, lesen und teilen...
„[…] Was ist mit dir los, humanistisches Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit?“
„[…] Die europäische Identität ist und war immer eine dynamische und multikulturelle Identität.“
„[…] Wenn es ein Wort gibt, das wir bis zur Erschöpfung wiederholen müssen, dann lautet es Dialog.“
„[…] Diese Kultur des Dialogs, die in alle schulischen Lehrpläne als übergreifende Achse der Fächer aufgenommen werden müsste, wird dazu verhelfen, der jungen Generation eine andere Art der Konfliktlösung einzuprägen als jene, an die wir sie jetzt gewöhnen.“
„[…] Ich träume von einem Europa, das die Rechte des Einzelnen fördert und schützt, ohne die Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft außer Acht zu lassen.“
(Zitate aus der Ansprache von Papst Franziskus anlässlich der der Verleihung des Karlspreises 2016)

Sonntag, 1. Mai 2016

Mal sehen, was der „Schwarm“ meint!

Zu meinem neuen Roman schwirren mir diverse Titel durch den Kopf. Als Umfrage-Freak würde ich gerne mal sehen, ob mir die Community bei der Vorauswahl helfen kann und bei einem kurzen „Titel-Duell“ mitmacht. Ich verrate noch nicht, worum es in dem Buch geht. Es soll nur das Bauchgefühl entscheiden, wohin der Griff im Buchladen ginge. Einfach bei jeweils dem Titel auf "Vote" klicken, der mehr anspricht. Drei Titelpaare werden nacheinander zur Auswahl vorgeschlagen.
DANKE sag ich schon mal!

Freitag, 29. Mai 2015

Big Data und die langweiligste Show aller Zeiten!

Ein Plädoyer für schlechte Filme, miese Bücher und unerträgliche Songs.


Kennen Sie das? Sie kommen aus dem Kino und denken sich: „Wie kann das nur sein? Bei all dem Screenings, den Testvorführungen, den vielen Profis, die riesige Gehälter von den Filmstudios bekommen, dass eine Handlung so hanebüchen, ein Plot so löchrig, die Einstellungen so langatmig, der Soundtrack so billig und kurzum, der ganze Film so grottenschlecht ist?“ Sie sind verärgert. Es tut ihnen leid ums Eintrittsgeld. Genauso, wie Sie Groll hegen, wenn Sie einen neu erworbenen Roman nach 50 Seiten entnervt ins hinterste Eck Ihres Buchregals verbannen, weil Sie bereits auf Seite 20 zum erstem Mal beinahe eingeschlafen wären. „Haben denn diese Lektoren, diese Verlagsmenschen überhaupt keine Ahnung?“

Wie kann es sein, so geht es einem häufig durch den Kopf, dass bei all der Marktforschung, den vielen wissenschaftlichen Analysen, Umfragen und Untersuchungen, doch so häufig so richtig schlechte Produkte auf den Markt kommen? Bei einer neuen Kaugummisorte oder der jüngsten Lampenedition einer schwedischen Einrichtungskette mag einem das ja mehr oder weniger wurscht sein und man kann es im Zweifel noch immer mit dem Kostendruck entschuldigen. Aber bei einer 100 Millionen Dollar Kinoproduktion mit mindestens nochmal so viel Marketingbudget? Und außerdem, bei Dingen, die einem am Herz liegen, da tut es den Cineasten, den Buch- oder Musikliebhabern unter uns dann so manches Mal richtig weh!

Stichwort Marktforschung. Stichwort Big Data!


Bei einem hervorragenden Vortrag des österreichischen Oxford Professors Viktor Mayer-Schönberger zu diesem Thema habe ich unlängst gelernt, dass Google anhand der Analyse von Suchanfragen bereits im Jahr 2009/2010 quasi in Echtzeit die Ausbreitung des N1H1-Grippevirus vorhersagen und damit wesentlich zu dessen Eindämmung beitragen konnte. Die amerikanische Gesundheitsbehörden, die damals Meldungen aller Hausärzte verpflichtend machte und diese analysierte, konnte seinerzeit die Ausbreitung des Virus lediglich mit einem Zeitversatz von 14 Tagen nachvollziehen, was für die Ausbreitungseindämmung weitgehend  wertlos war.
Im selben Vortrag erfuhr ich auch, dass eine US- Warenhauskette bei der Auswertung ihrer Verkaufsdaten herausgefunden hat, dass ihre Kunden, immer dann, wenn ein Orkan oder Hurrikan angekündigt war, vermehrt Batterien und Taschenlampen kauften. Nun, das hätte jeder von uns ebenfalls und  ohne die Terrabytes an Daten vorhersehen können. Gleichzeitig hat dieses Unternehmen aber auch entdeckt, dass die Menschen bei solchen Sturmankündigungen vermehrt  zu einem ganz bestimmten Typ Fruchtpopkorn griffen. Während die Datenauswertung die Gründe für dieses Verhalten nicht liefern kann, ist das Wissen darum für die Absatzförderung natürlich sehr nützlich.

Mit Big Data, also der Auswertung immenser Datenmengen, so führte Mayer-Schönberger in seinem durchaus dialektischen Referat weiter aus, macht derzeit ein Start-Up-Unternehmen aus dem Silicon Valley, das mittels einer App Autofahrern frühzeitige Stauwarnungen geben kann, auch Big Money. Aber nicht mit den nützlichen Routenvorschlägen für die Pendler, sondern da sie erkannt haben, dass sie aus den Daten, die sie über das Fahrverhalten gewinnen, Vorhersagen über die Quartalsabschlüsse der großen Supermarktketten treffen und somit Investmentfonds einen wertvollen Wissensvorteil anbieten können.

Mittels 1.200 Messdaten, die bei Frühgeborenen mit Sensoren jede Sekunde erhoben wurden, ist es einer kanadischen Ärztin gelungen, lebensbedrohende Infektionen zu erkennen, 24 Stunden bevor die ersten Symptome auftreten. Frühchen müssen daher an diesen nun nicht mehr sterben.
Und japanische Autohersteller entwickeln gerade einen Sitz, der anhand der Vermessung Ihres Hinterns erkennt, ob Sie rechtmäßig in diesem Fahrzeug sitzen und verhindert so effektiv jeden Diebstahl.

Wenn all das möglich ist, wenn Daten, Algorithmen und Statistiken die Welt so berechenbar machen, warum gibt Warner Brothers dennoch 180 Millionen Dollar für einen Tom Cruise Film aus und pumpt noch mal so viel Werbegeld hinein, obwohl es doch wissen müsste, dass der Streifen kolossal floppen wird?

Natürlich hat oxford’sche Big Data Experte auch anschaulich auf die Gefahren und Risiken der großen Sammel- und Auswerterei hingewiesen. Spätesten bei dem Beispiel der zweiten amerikanischen Supermarktkette, die anhand des Einkaufsverhaltens erkennen kann, ob Kundinnen schwanger sind – und das häufig sogar bevor es diese selbst wissen – haben sich beim Großteil der Zuhörerschaft doch recht gemischte Gefühle eingestellt.

Aber während der Vortragende auf die Grenzen der Erkenntnisse einging und vom notwendigen Vertrauen, das Verbraucher in Unternehmen und Institutionen haben müssten, damit die Daten basierte Zukunft eine goldene wird oder überhaupt eine solche hat, ging mir angesichts all der Prognosen irgendwann ein Satz durch den Kopf, den Thomas Gottschalk vor vielen Jahren - „Wetten daß?“ war damals noch das Maß jeder TV-Unterhaltung - in einem Interview sinngemäß sagte:

Anhand der Einschaltquoten und mit Analysen des Zapp-Verhaltens des Publikums und mittels unzähliger Auswertungen wissen wir ziemlich genau, wie die perfekte Fernsehshow ablaufen müsste. Wir wissen, welche Talk-Gäste wann zu welchen Themen befragt werden sollten, welcher Musik-Act in welchem Bühnenbild auftreten müsste und welche Action für die höchsten Zuschauerzahlen sorgen würde. Und ich wette, dass wenn wir genau diese Sendung abliefern würden, wäre es die langweiligste Show aller Zeiten!

Diese Erkenntnis glaube ich unbesehen.

Und daher bin ich eigentlich dankbar, dass jemand bei Warner Brothers 200 Millionen Dollar für einen furchtbaren Sciencefiction-Film verbrennt. So gesehen, ist er die 12 Euro doch wert! Seien wir froh, dass es Verleger gibt, die auch richtig üble Machwerke auf den Markt bringen. Freuen wir uns über neue Autos, die so unproportioniert und hässlich sind, dass sie kein einziges Like auf Facebook bekämen, über Suchergebnisse auf Google, die so meilenweit von dem entfernt sind, was wir eigentlich finden wollten und ja, weil’s grade passt, seien wir glücklich, dass es auch bei supermassentauglichen Eurovisions-Events Beiträge gibt, die mit Null Punkten nach Hause gehen.

Ein Hoch auf den prognosefreien Griff ins Klo und auf das Bauchgefühl. Möge es noch lange auch mal richtig daneben liegen dürfen.